Marlene in Spanien

Name: Marlene
Ausbildung: Maßschneiderin
Praktikumsort: Sevilla/ Spanien

Mein Auslandspraktikum fiel in die denkbar beste Zeit des Jahres: Spätherbst -In Deutschland der Auftakt zum Winter, in Andalusien jedoch das lang ersehnete Ende der allzu heißen Sommermonate (dieses Jahr hatte es bis zu 45 Grad) und damit für uns Mitteleuropäer nah dran am perfekten Sommer!

Ich sollte also die Möglichkeit bekommen, vier Wochen lang aus meinem Azubi-Alltag als Maßschneiderin heraus, und in in eine andere Welt hinein zu kommen. Komplett alleine, alle meine Freunde und Verwandten hunderte Kilometer entfernt, jedoch wenig einsam dank meiner wunderbaren Mitreisenden und der unendlichen Gastfreundschaft der Spanier.

Gerade Sevilla ist eine unglaublich internationale Stadt. Es gibt zahlreiche junge Menschen aus der ganzen Welt, die auf den verschiedensten Wegen dort gelandet sind und alle die gleiche Begeisterung für die sevillianische Lebensart teilen. Da kann es schon mal passieren, dass sich in der Kneipe unerwartet ein freundlicher Amerikaner zu euch gesellt, in der Annahme ihr wärt Teil eines der zahlreichen «Intercambios» (Treffen von Menschen unterschiedlichster Nationalitäten), um dann die nächste Stunde mit euch zu quatschen.

Aber nun zu meinem Praktikum: Als ich erfuhr, dass ich in einer Flamenco-Schneiderei arbeiten würde, machte ich erstmal ein paar Luftsprünge vor Freude. Was gibt es spanischeres als den Flamenco, diesen leidenschaftlichen, würdevollen Tanz, untermalt von Klatschen und Stampfen, Gitarre und Gesang, der untrennbar mit der Tradition Sevillas verbunden ist?

So fand ich mich dann wieder an einer Nähmaschine in der hintersten Ecke des klitzekleinen Verkaufraumes von «Flamenco Pasión», mitten im Geschehen. Regelmäßig schaute die Verwandschaft vorbei. Oma half bei kleinen Handarbeiten, dabei die Enkelin auf dem Schoß, Freundinnen inklusive Hunden kamen beim Gassi-Gehen durch, Flamencotänzerinnen probierten die Kleider an. Und die Luft erfüllt von schnellem, lautem Sevillanisch.

Zugeschnitten wurde in einer kleinen Kammer hinter dem Hauptraum mit einem Gerät, das sich am besten als «elektrischer Pizzaschneider» bezeichnen lässt. Damit konnten problemlos ein dutzend Stofflagen gleichzeitig geschnitten werden. Gearbeitet wurde mehr nach Gefühl und Augenmaß als nach exakten Maßangaben.

Beheimatet in der deutschen Maßschneiderei und ihrer ständigen Millimeterarbeit, brauchte ich erstmal ein paar Tage um mich daran zu gewöhnen. Dann jedoch machte es mir um so mehr Spaß, endlich einmal richtig zügig arbeiten zu können. Was ich dabei lernte war, dass es beim Nähen immer auf das Endergebnis und die Anforderungen an das fertige Kleidungsstück ankommt, und dass das je nachdem auch auf schnellerem Weg möglich ist. Beim Flamenco kommt es ja nicht auf die perfekte Verarbeitung an, sondern viel mehr auf die wunderbaren Stoffe, die Massen an Volants und vor allem die Ausdrucksstärke der Tänzer und Tänzerinnen!

Für mich waren diese vier Wochen in Sevilla wirklich in vielfacher Hinsicht bereichernd. Zunächst einmal habe ich gesehen, was für unterschiedliche Seiten mein Handwerk haben kann. Dadurch kann ich mir jetzt schon viel besser vorstellen, in welche Richtung es für mich dann nach der Ausbildung gehen könnte. Außerdem hat mir die Erfahrung, mich in einer fremden Kultur zurecht zu finden, umgeben von Fremden, die nun keine mehr sind, enorm gestärkt und mir Gelassenheit und Vorfreude vermittelt im Hinblick auf weitere Reisen, Auslandsaufenthalte und Arbeitsumfelde.

 

So kam ich zurück nach Deutschland, im Gepäck ein bisschen mehr Selbstvertrauen, zahlreiche schöne Erfahrungen und, vor allem, ein paar wunderbare Bekanntschaften.

Noch eines: Zum Abschied bestand unsere tolle spanische Gastmutter auf ein «Hasta luego», (auf Wiedersehen) mit den Worten: Wer einmal in Sevilla war, der kommt ja doch immer wieder zurück.